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Pfarrerin Margit Leuthold im Radio Osttirol November 2023

Nachgedacht: Wie geht Frieden?

 

Sonntag, 12. November 2023

Wie geht Frieden?

Ich bin gern evangelisch. Weil es für mich und meine Kirche bedeutet: Ich darf umkehren, wir dürfen uns immer wieder reformieren. Vor einigen Tagen feierten wir Reformationsfest. Gestern fand ein Studientag statt, der sich mit der Erklärung der Generalsynode vor 25 Jahren beschäftigt: „Zeit zur Umkehr“. Wie aus christlicher Wurzel, den Schriften des Neuen Testaments menschenmordender Antisemitismus entstehen konnte, ist für mich zutiefst beschämend und eine Anfrage an mein Bekenntnis. Jesus war Jude und ein großer Thoralehrer. Die ersten Christen kamen in jüdischen Gemeinden zusammen, nach und nach kamen Menschen aus den Völkern hinzu. Warum zur Identitätsfindung die eigene Herkunft schlecht gemacht, verleugnet und verfolgt werden musste, konnte ich nicht verstehen. Antisemitismus war und ist das Gift, das seit Jahrhunderten unsere Kirchen vergiftet. Wie froh bin ich über die Erklärung, weil sie sagt: Kirche kann umkehren, sich von falschen Dingen verabschieden, sich neu auf den Weg machen. Meine Kirche hat ihre Schuld bekannt, die judenfeindlichen Schriften Martin Luthers verworfen, sich selbst verpflichtet, ihre eigene Lehre, Predigt, Unterricht, Liturgie und Praxis auf Antisemitismen hin zu überprüfen und jeglichem Antisemitismus zu wehren. So geht Umkehr. Paulus sagt es so: Du sollst wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. (Röm 11,18)

 

 

 

Montag, 13. November 2023

Wie geht Frieden?

Gestern begann in unseren Kirchen die ökumenische Friedensdekade. Mich tragen die Worte Jesu: Glücklich sind die, die Frieden stiften können, denn sie werden Töchter und Söhne Gottes genannt werden! Ja, für mich sind zur Zeit des Unfriedens die Worte aus der Bibel hilfreich, denn sie orientieren mich. Es braucht diesen Grund für einen inneren Frieden, wenn mir der äußere genommen ist, wenn ich Nein sagen muss gegenüber Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Nein zur Verachtung der Menschenwürde und Menschenrechten. Er hält mich auf dem Boden der Vernunft und der Realität und lässt mich zu einem hörenden Menschen für meine Nächsten werden. Martin Luther wusste: Er selbst schafft so etwas nicht aus sich heraus. Gott aber hat ein Fundament gelegt, weil Gott in unsere Welt, ins schlimmste und zerstörte Leben hinein Mensch geworden ist und in Jesus Christus gezeigt hat, wie Menschsein gelebt werden kann. So bestehe ich als Mensch: aus Gnade, in Liebe, Hoffnung, mit Glauben. Deshalb hoffe ich, auch wenn nichts danach aussieht. Deshalb liebe ich, auch wenn alles um mich herum in Hass ausbricht, deshalb bin ich Gotteskind, nicht -krieger. Das ist die gute Nachricht in allen schlechten Zeiten. Das ist mein Grund: "Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ 1. Kor 3,11

 

 

 

 

 

Dienstag, 14. November 2023

Wie geht Frieden?

Ich weiß, im Moment sind diejenigen laut, die in ihrem Innersten Krieg als ein normales Mittel politischer Auseinandersetzung halten. Ich aber will von der Hoffnung reden, dass wir Menschen einen Frieden schaffen können, der größer ist als die Herrschaft des Schreckens. Frieden beginnt bei uns, in unseren Familien, vor unserer Haustür, mit unseren Nachbarn, in unseren Dörfern und Städten, in unseren Gesellschaften. 

Von diesem Frieden will ich träumen. Ich höre schon: „Träum weiter, dein Aufwachen wird böse enden“ Träum weiter vom Frieden in Israel und Palästina – wir zeigen derweil der Welt, wie Barbarei aussieht und wie Gewalt mit Gewalt beantwortet wird. Träum weiter von den Menschenrechten, die unter dem Nachdruck jener Erfahrung formuliert wurden, wie entfesselt Menschen waren, wenn sie erst einmal den Zivilisationsbruch zugelassen hatten.

Ich will mich halten an die Hoffnungsworte, die seit 2000 Jahren Menschen zum Träumen gebracht haben. Es sind die Seligpreisungen Jesu, mit denen er seine Bergpredigt beginnt. Sie beschreiben glückliche Menschen, denn sie haben das Himmelreich in sich, wurden getröstet, bewahren und besitzen das Erdreich, sind satt, an Leib und Seele, weil sie Gerechtigkeit erfahren, Barmherzigkeit erlebt, Gott schauen, sich als Gottes Kinder erkennen. 

 

 

Mittwoch, 15. November 2023

Wie geht Frieden?

Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter. Sie können über die Zerstörung den Tag sehen, wo auch der Krieg wieder aufhören wird. Dominante Friedensstifter, Friedensdiktatoren bringen keinen Frieden, sondern nur gegenseitige Aufrechnung des geschehenen Unrechts. Eine einfühlsame Friedensethik fragt nach dem, was Menschen brauchen, sehen die Bedürfnisse und erkennen unterschiedliche Gefühle an, ohne einander aufzurechnen, wer angefangen hat. Ich denke in diesen Tagen immer wieder an die beiden Menschen vom Elternkreis, dem Parents-Circle, einer Gruppe von jüdischen und palästinensischen Angehörigen, die ich in Jerusalem kennenlernen durfte. Sie haben Sohn und Tochter in der Gewalt verloren und setzen sich aus der gemeinsamen Trauer heraus für einen Heilungsprozess auf beiden Seiten ein. Sie sehen ihre Region in einer Zukunft, in der alle Menschen ohne Angst leben und ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen können. In diesen Tagen rufen sie zur Unterstützung und Empathie für alle Opfer auf – die sichtbaren und die unsichtbaren. Und sie formulieren: Gemeinsam ist uns das Menschsein. Damit beginnen wir. Ich stimme ein und lese beim Propheten Micha (6,8): Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben.

 

 

Donnerstag, 16. November 2023

Wie geht Frieden?

Was für ein Unglück! Schlimmer aber zu sagen: Du kannst es nur ertragen, nicht ändern. Kannst nur wegsehen, nicht helfen, nur dich nur selbst schützen, nicht die anderen. Mitten im Unglück spricht Jesus in seiner Bergpredigt von glücklichen Menschen und ich höre es (mit Rabbi Schimon ben Eleazer so) Glücklich ist, wer nur ein Gebot Gottes erfüllt, denn damit erweisen wir Gott Gutes und nehmen sein Land in Besitz.

Also: Glücklich, die sich überall auf der Welt mit den armen Menschen solidarisieren und den Bettelarmen beistehen, die die Grenzen öffnen für Hilfslieferungen und sie nicht ertrinken lassen, die Menschen in ihrer Würde achten. Sie leben in der Gegenwart des Himmelreiches. 

Glücklich, die Trauerarbeit leisten, die über Unrecht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit klagen und sich nicht damit abfinden wollen, dass so eine Barbarei und so ein Elend zu unserer Welt gehört, die mit ihrer Trauer darüber vor Gott kommen und trotz allem auf Veränderung hoffen und rufen: #Bringthemhome. Sie sollen getröstet werden. 

Glücklich, die auf Gewalt verzichten, ohne die ungerechten und herrschenden Verhältnisse zu akzeptieren, sondern die das Miteinander in einer Zivilgesellschaft leben, ihre Mitmenschen und alle Wesen achten und die Erde bewahren. Sie werden überall auf dieser Erde Boden unter ihren Füssen bekommen.

 

 

Freitag, 17. November 2023

Wie geht Frieden?

Was wäre christlicher Glaube, der das Evangelium liest und hört und sofort vergisst, entsprechend zu leben? Jesus von Nazareth hat in Galiläa den Menschen keine Inseln der Seligen, sondern konkrete Auswege aufgezeigt:

Glücklich sind, die sich nicht mit einem ‚Da-kann-man-nichts-machen‘ abfinden oder sich mit einem theoretischen Hunger nach Gerechtigkeit zufriedengeben, sondern nach praktischen Lösungen suchen und die eine Gerechtigkeit erbeten, die von Gott ausgeht und damit heil machen kann, was Menschenunheil zerstört. Glücklich ist, wer sich erbarmt. Sich selbst und anderen gegenüber, immer und immer wieder. Glücklich ist, der im Gesicht des Feindes den Menschen sehen kann. Glücklich ist, der weiß, Barmherzigkeit ist das, was zählt. Diese Menschen werden das Erbarmen finden. Mit ihnen wird Zukunft geschehen. 

Glücklich, wer eine Quelle in seinem Leben hat, die ganz und gar zuspricht: Du bist ok! Du bist Angesicht Gottes auf Erden und kannst in jedem Wesen auf dieser Welt Gott erkennen, so dass Du sagen kannst: ich bin ok und Du bist ok. Lass uns Worte finden, mit denen wir uns gewaltlos verständigen und die Sprache des Hasses verlassen. Lass uns von unseren Gefühlen reden und von unseren Bedürfnissen und was wir füreinander tun können. Fangen wir damit an.

 

Samstag, 18. November 2023

Wie geht Frieden?

Ich will mich heute neu aufmachen: Denn jeder Tag bietet uns die Entscheidung, ob wir Gottes Weg gehen. 

Glücklich, die ein einziges Gebot Gottes getan haben: Einen Menschen gerettet. Einen Schlafplatz geschaffen. Ein Brot gegeben oder eine Ziege gespendet. Einmal ein Willkommen gesagt. Einmal Angst überwunden und gefragt: Was kann ich Dir tun, damit Du Dich nicht fürchtest? Einmal aufgestanden gegen Antisemitismus und Rechtsbruch von Menschenrechten. Einmal Probleme benannt und menschliche Lösungen gefunden.

Glücklich, die sich darum bemühen, Frieden zu schaffen, nicht nur alleine für sich selbst und ihren Kreis, sondern auch unter anderen Menschen. Glücklich, die helfen, böse und verworrene Angelegenheiten zurechtzubringen, die den Hader beenden, die Krieg und Blutvergießen verhindern können, die sich für Frieden und Versöhnung einsetzen. 

Sie sind erwachsene Söhne, erwachsene Töchter Gottes. 

Glücklich sind sie, denn all ihr Verhalten und Tun trägt die Verheißungen Gottes in sich. Und auch wenn jetzt all die Kriegstreiber mit Hass und Hetze, mit Lüge und Gewalt den Frieden verachten und verfolgen; es wird nichts helfen; die Friedfertigen werden zum Ziel kommen und wieder lachen und fröhlich sein.

 

 

   
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