Predigt zum Reformationstag 2014

Predigttext Philipper 2
12 Also, meine Lieben, - wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart,
sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit -
schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.
13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

 

Liebe Gemeinde,
diese Überschrift im Heft „Die Brücke“ hat mein Interesse geweckt: „Colette hilft beim Predigtmachen“. Es ist ein Artikel vom Afrikamissionar Karl-Heinz Rathke, dem Bruder des früheren Superintendenten von Kärnten und Osttirol, Joachim Rathke. Rathke ist in Afrika und brütet über der Predigt zum Reformationsfest, über Luthers Frage „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“. Wie soll ich den Menschen in Afrika diese Frage erklären? Dabei schaue ich aus dem Fenster und sehe Colette, das Schimpansen-Äffchen. Es kratzt sich. Warum kratzt es sich? Weil es juckt. Unter der Achselhöhle.
Da schießt es wie ein Pfeil in mich hinein: Colette kratzt sich nur, wo es sie juckt. Und ich soll mich kratzen, wo es Martin Luther vor 500 Jahren in Mitteleuropa gejuckt hat?

Ich muss Rathke widersprechen.
Die 20-jährige Tochter kommt zum Vater und erzählt: Übermorgen fahre ich in den Schiurlaub.
Der Vater: Hast Du auch schon die Winterreifen montiert? Es ist Schneefall angesagt. Bis in die Tallagen.
Die Tochter: Nein, das habe ich noch nicht. Aber das kann ich ja morgen noch erledigen.
Am nächsten Tag in der Werkstätte: Hast du einen Termin vereinbart?
Nein. Dann sehe ich schwarz. Schau, wie lange die Wartelist ist. Die wollen alle heute noch ihre Winterreifen.
Welche Reifendimenion brauchst du?
195/60 R.
Die haben wir gar nicht lagernd. Die muss ich bestellen. Nächste Woche am Dienstag werden sie da sein.

Da kann man nur sagen: Hätte sich die Tochter doch schon früher gekratzt, als es sie noch nicht gejuckt hat. Mit anderen Worten: Hätte sie sich doch um die Winterreifen gekümmert, als der Schnee noch fern war.

Luthers Frage war: Wie kriege ich einen gnädigen Gott. Diese Frage hat ihn nicht bloß gejuckt. Sie hat ihm auf der Seele gebrannt. Diese Frage wurde noch dringender, als ein junger Freund bei einem Unfall ums Leben kam. Luther sagte sich: Das hätte mir auch passieren können. Dann wäre ich vor dem Richterstuhl Gottes gestanden. Wie hätte ich da bestehen können, ich, der ich voll von Sünde bin?
In den Tagen um Allerheiligen gehen wir auf die Friedhöfe. Die Verstorbenen erinnern uns, dass auch unser Leben hier ein Ende haben wird.

„Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“ schreibt Paulus
Mit „Selig werden“ ist Rettung gemeint. Rettung aus der Not der Vergänglichkeit unseres Lebens zum ewigen Leben. Rettung aus der Hölle in den Himmel.
Gibt es denn diese andere Welt mit Himmel und Hölle? – fragen die Menschen heute. Woher wissen wir etwas darüber? Es ist ja noch keiner zurückgekommen.
In der heutigen Zeit kann man immer wieder Berichte über Nahtoderlebnisse lesen. Ein Mensch erleidet einen schweren Unfall. Das Herz steht still. Man hält den Menschen bereits für tot, aber nach einigen Minuten fängt plötzlich das Herz doch wieder zum Schlagen an. Menschen berichten dann, was sie währende der Zeit des Herzstillstandes erlebt haben. Für viele Leser solcher Berichte sind diese Erfahrungen ein starker Trost und ein Hinweis auf ein Leben jenseits der Todessgrenze.
Ich bin aber auch skeptisch. Dem Tod nahe heißt: Noch nicht im Tod.
Wenn ich ganz nahe zu einer Mauer hintrete, weiß ich noch nicht, was jenseits dieser Mauer ist.
Aber es gibt einen, der hin- und herpendelt zwischen der Welt diesseits und jenseits der Mauer.
Jesus Christus: Er kommt von jenseits der Mauer in unsere Welt herein. Als er am Kreuz stirbt, ist er jenseits der Mauer, kommt in der Auferstehung wieder herüber diesseits der Mauer. In der Himmelfahrt wechselt er wieder hinüber.

Und dieser Jesus erzählt Geschichten, die die Welt jenseits der Mauer vor uns lebendig werden lassen.

Er erzählt wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. So werden im Weltgericht die Menschen in zwei Gruppen getrennt.
Er erzählt von 10 Jungfrauen, die zum Hochzeitsfest geladen sind. Fünf von ihnen feiern mit, fünf müssen draußen stehen vor der verschlossenen Tür.
Er erzählt vom reichen Mann, der unbarmherzig seine Augen vor der Not der Menschen verschlossen hat, und dann an einen Ort kommt, wo er von Flammen gepeinigt wird. Und er erzählt vom armen Lazarus, der in dieser Welt nichts Gutes gehabt hat, aber drüben getröstet wird im Schoß des Abraham.
Da wird auch deutlich. Es gibt so viele Ungerechtigkeiten in dieser Welt. Wir sehnen uns nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Ich glaube, dass Gott diese Sehnsucht in uns hineingelegt hat, als einen Hinweis auf diese andere Welt, in der Gerechtigkeit sein wird. Dort wird es sich zeigen, dass es nicht gleichgültig ist, wie einer lebt.

„Mit Furcht und Zittern“ schreibt Paulus.
Vor Kurzem sah ich in „Tirol heute“ einen Bericht über eine Fallschirmspringerin. Das heißt: Sie war keine Fallschirmspringerin. Ein Bekannter hat sie dazu überredet, es auch einmal zu versuchen“
Sie erzählt:
Dann bin ich ins Flugzeug gestiegen. Das Flugzeug flog immer höher. Mir wurde immer unheimlicher. Dann wurde auch noch die Tür geöffnet und ich konnte in die Tiefe sehen. Ich hab mich gefürchtet und gezittert und mich krampfhaft an den Griffen festgeklammert. Dann schob mich mein Bekannter zur Tür und ich musste springen.
Und wie war es, als Sie unten waren? Ich bin heil unten angekommen. Ich hing ja am Fallschirm meines Bekannten. Es war unbeschreiblich.

Sie hat es geschafft. Mit Furcht und Zittern.
So werden wir es auch schaffen. Selig zu werden mit Furcht und Zittern.
Mit Furcht und Zittern deswegen, weil es durch den großen Unbekannten hindurchgeht. Durch den Tod hindurch. Es wird uns zittern lassen, wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren.

Was war der Anteil, die Leistung der Fallschirmspringerin? Nichts.
Naja: Jedenfalls hat sie eingewilligt, es einmal zu versuchen.
Sie hat sich ihrem Bekannten anvertraut. Er ist ja schon oft gesprungen, hat alle Sprünge überlebt und weiß, wie es geht.
Und sie ist hingegangen zum Flugplatz, hat sich einweisen lassen, Fragen gestellt und Antworten bekommen.
Was wird deine Leistung gewesen sein, wenn du selig geworden bist?
Nichts. Aber du hast dich Jesus anvertraut. Er kennt ja den Weg Er ist ihn schon gegangen, durch den Tod zur Auferstehung.
Wir gehen nicht zum Flugplatz, aber wir halten uns zu einer christlichen Gemeinde. Da besuchen wir die Gottesdienste, Bibelkreise, in denen wir uns instruieren lassen, Fragen stellen und Antworten bekommen.

„Gott ist’s der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen.“ – schreibt Paulus.
Die Fallschirmspringerin: Wenn man mich vor einem Jahr gefragt hätte: Willst du einmal springen? Hätte ich gesagt: Nein. Naja, Ich kann mir schon vorstellen, dass das irgendwie toll ist. Aber: Nichts für mich. Aber der Bekannte hat mich dann doch dazu gebracht. Er hat mir versprochen: Es ist nicht schwer. Du schaffst das.

Willst du in den Himmel kommen?
Einer antwortet: Ja, schon. Wer will das nicht. Aber da muss man vielleicht superreligiös sein. Und das bin ich nicht.
Vielleicht gibt es auch gar keinen Himmel. Aber das juckt mich heute noch nicht. Ich bin ja noch jung. Ich lass mich überraschen.
So bleibst du im Nebel der Ungewissheit.
Evangelisch sein aber heißt: Die Gewissheit des Himmels haben.

Wenn du sagst: Ja, ich möchte den Himmel von ganzem Herzen – Dann hat Gott selber dir diesen Wunsch ins Herz gepflanzt. Gott möchte, dass du sagst: Ja, ich will.
Gott gebraucht auch diese Predigt, um dich zu bewegen, dass du sagst: Ja, ich will in den Himmel. Ich will selig werden.
Und wenn du es willst, dann schaffst du es auch.
Denn es ist nicht schwer. Denn Gott sorgt auch für das Vollbringen.
Er HAT schon längst für das Vollbringen gesorgt, in dem er seinen Sohn Christus auf die Welt sandte. Ihm darfst du dich anvertrauen. Er sagt:
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“
Orientiere dich immer wieder an seinem Wort! Lies es in der Bibel! Folge ihm! So schaffst du es.
Amen.

 

   
© 2014 Evang. Pfarrgemeinde Lienz