Predigt von Pfr. Hans Hecht am Karfreitag, (25.3.2016) in der Martin Luther-Kirche in Lienz

 

Predigttext: 2. Korinther 5
19  Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Liebe Gemeinde!

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Geschaffen und bestimmt zur Gemeinschaft mit anderen Menschen und mit Gott.

Der Mensch braucht Gemeinschaft mit anderen Menschen. Ein kleines Kind wäre gar nicht lebensfähig ohne die Gemeinschaft mit anderen Menschen.
Ein junger Mensch spürt die Sehnsucht nach einem Menschen des anderen Geschlechts. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ – steht in der Bibel.
Dass der Mensch eine Sprache hat ist ein Zeichen dafür, dass er zur Gemeinschaft bestimmt ist.
Wer sich der Gemeinschaft entzieht, wird mit der Zeit komisch.

Der Mensch ist auch geschaffen und bestimmt zur Gemeinschaft mit Gott.
„Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“ Das heißt, er ist zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen. Die Frage: „Wo komme ich her – wo gehe ich hin?“ ist die Frage nach Gott, in dessen Gemeinschaft der Mensch berufen ist.

Manchmal zerbricht Gemeinschaft durch Streit und Unfrieden.
Das kommt in der Familie vor: Eltern und Kinder haben keinen Kontakt mehr. Geschwister sind untereinader zerstritten, weil sie sich nicht über das Erbe einigen können.
Ein Mann sagt: Schon seit 10 Jahren rede ich nicht mehr mit meiner Frau – und wenn wir reden, dann streiten wir.
Auch am Arbeitsplatz, im Verein und sogar in der Kirchengemeinde kann es vorkommen, dass Gemeinschaft zerbricht.

Auch die Gemeinschaft mit Gott kann zerbrechen.
Das kann ein schleichender Vorgang sein, so wie es manchmal in einer Ehe der Fall ist: Die Liebe kühlt ab, das Interesse schwindet, der Partner verliert an Bedeutung. Gedankenlosigkeit. So kann es sein, dass mit der Zeit schleichend eine Ehe zerbricht.
Die kann auch bei Gott vorkommen: Die anfängliche Liebe zu Gott wird kühler, ein Mensch verliert mit der Zeit das Interesse an Gott, Gott ist nicht mehr wichtig. Gedankenlosigkeit.

Eine Ehe kann auch durch ein bestimmtes Ereignis zerbrechen – manchmal durch eine Lappalie.
Auch die Gemeinschaft mit Gott kann durch ein Ereignis zerbrechen. Da erfährt ein Mensch Leid und sagt:
Wenn mir Gott nicht in diesem Unglück hilft, dann brauche ich ihn nicht.

Oder ein Mensch begeht eine bestimmte Sünde und von da an läuft er Gott davon.

Wenn eine menschliche Gemeinschaft zerbricht, kann man manchmal ausweichen.
Statt der einen Frau eine andere.

Was aber, wenn die Gemeinschaft mit Gott zerbricht? Zu wem soll ich dann beten?
Was wird mit mir nach dem Tod?

Mancher redet sich dann ein: Es gibt gar keinen Gott.
Ein anderer macht sich selber zum Gott, weil der Mensch, der zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen ist,
nicht ohne Gott sein kann.


Unser Bibelwort sagt nun, was Gott tut, um die zerbrochene Gemeinschaft mit den Menschen wieder herzustellen:
„Gott versöhnte die Welt mit sich selber“
Gott ergreift die Initiative.
Bei menschlichen Streitigkeiten gibt es manchmal einen Mediator. Christus ist der Mediator, der „Mittler“.
Er ist beides gleichzeitig: Mensch und Gott. „Gott war in Christus“ sagt der Apostel.

Sünde ist die Ursache für das Zerbrechen der Gemeinschaft mit Gott.
Sünden sind, wenn einer stiehlt, oder lügt, oder begehrt.
Sünde ist aber auch die grundsätzliche Einstellung: Wenn einer Gott nicht Gott sein lassen will. Wenn er selber sein Leben bestimmen will. Wenn er keinen Gott über sich haben will. Wenn er Gott nicht liebt und ehrt.
Auch das ist Sünde.


Nun rechnet Gott den Menschen die Sünden nicht an.
Ich empfinde die Sünde wie einen schweren Klotz am Bein. Daran festgekettet wie ein Sklave. Gott sperrt das Schloss auf und macht mich los von der Kette, von dieser Last.
Und was geschieht nun mit dieser Last?
Sie wird Christus umgehängt.
Der am Kreuz ist so belastet mit der Sünde der Welt, dass da am Kreuz nicht ein Mensch hängt, sondern die Sünde. Gott hat diesen Jesus für uns zur Sünde gemacht.
Er wird zur Sünde – er, der Sündlose, der Reine, der Tadellose, der Heilige.
Und was wird aus seiner Heiligkeit?
Sie wir UNS zugesprochen.
Das ist ein unglaublicher Tausch: Gott hängt meine Sünde dem Christus um und gibt mit im Gegenzug die Heiligkeit und Gerechtigkeit des Christus.
Den „fröhlichen Wechsel“ nennt es Luther.

Damit ist im Blick auf die Gottesbeziehung der paradiesische Urzustand wieder hergestellt.
Keiner muss sich mehr vor Gott verstecken, wie sich Adam und Eva vor Gott versteckt haben.
Keiner muss mehr seine Schuld auf einen anderen abschieben, wie Adam die Schuld auf Eva schob und Eva
auf die Schlange schob.

Keiner muss die Schuld abschieben, weil sie uns abgenommen wurde.
Keiner soll sagen: Gott sagt mir nichts.
ER sagt die etwas.
Er sagt dir: Lass dich versöhnen mit Gott.
Ja, er bittet dich sogar: Lass dich mit Gott versöhnen!
Um deinetwillen: Lass dich mit Gott versöhnen!
Um Gottes willen: Lass dich mit Gott versöhnen!
Ja um Gottes willen: Lass dich mit Gott versöhnen!

Und wende Gottes Methode an auf die unversöhnten menschlichen Beziehungen:
Dem anderen die Schuld nicht anrechnen,
selber bereit sein, Schuld auf sich zu nehmen
und den anderen um Versöhnung bitten.

Du wirst vielleicht einwenden: Wie komme ich dazu, mich so herabzulassen, Schuld auf mich zu nehmen und
als Bittsteller aufzutreten?

Christus hat sich noch tiefer herabgelassen. Der Gottgleiche ist zur Sünde geworden.

Wenn du Christ bist, dann muss doch die Einstellung und das Tun des Christus auch für dich Vorbild sein.

Amen.

 

 

   
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