Herr Pfarrer Hecht schreibt in gewissen Abständen 

unter der Rubrik "Weiterdenken" 

einen Artikel in der Bezirkszeitung "Osttiroler Bote"  

(diesmal von 02. Juni bis 30. Juni 2016)

 

 

30. Juni 2016

Ausgetreten

 

Gerade aufgewacht höre ich meine Frau: „Sie sind ausgetreten.“
Ich bin schockiert und frage im Stillen: „Wer ist aus der Kirche ausgetreten?“ Meine Frau: „Brexit.
Die Briten haben für den Austritt aus der EU gestimmt.“ Da bin ich wieder beruhigt. Der Pfarrer ist beruhigt. Nicht die, die sich wirtschaftliche und politische Sorgen machen.

Warum wollen sie austreten? Man ist den Briten doch entgegengekommen. Sonderkonditionen.
Ich denke an eine Frau. Sie wollte wegen des Kirchenbeitrages aus der Kirche austreten. Da vereinbarte ich mit ihr Sonderkonditionen. Ich gab ihr aus meiner eigenen Tasche das Geld für den Jahreskirchenbeitrag, damit sie wegen des Geldes nicht austritt. Zwei Jahre später ist sie trotzdem ausgetreten.
Im Fernsehen höre ich „Regret“. Das Bedauern vieler Briten über den Brexit. Viele wollen vom Austritt zurücktreten.
Eine berühmte Geschichte über den Rücktritt vom Austritt ist die vom „verlorenen Sohn“. Bei den Schweinen gelandet besinnt er sich, was er alles aufgegeben und verloren hat. Der Vater macht es ihm leicht. Läuft ihm entgegen.
Da droht einer: „Wenn 100 € Kirchenbeitrag nicht reichen, dann trete ich aus.“ Bei seinem Einkommen reichen 100 € nicht. Es soll ja gerecht zugehen. Darum geht er auf die BH, um den Kirchenaustritt zu unterschreiben. Aber beim Verlassen der BH tut es ihm wieder leid. Die Kirche will es den Ausgetretenen leicht machen. Vorwürfe sollen schweigen. Es geht um die Freude, dass wieder zusammen ist, was zusammengehört. Im Bild gesprochen: Gut, dass die Operation geglückt ist. Dass der abgetrennte Finger, der doch sonst sterben würde, wieder anwachsen kann. Dass die Wunde am Körper geschlossen ist und wieder heilen kann.

 

 

 

23. Juni 2016

Was gibt es beim Fußball, aber nicht in der Kirche?

Einen Schiedsrichter.
Bei den ersten Christen in Rom war die Frage aufgetaucht: Darf ich als Christ Fleisch essen, das von Tieren stammt, die für heidnische Götter geopfert wurden? Die einen: „Nein!“ Die andern: „Warum nicht?“
Du, Apostel Paulus, sei Schiedsrichter und entscheide: Wer hat recht?
Überrascht es Sie, dass Paulus beiden recht gab, wenn sie es nur aus fester Glaubensüberzeugung
und mit gutem Gewissen tun?

Der Apostel wollte nicht die Überzeugungen beeinflussen, aber die Haltung gegenüber Menschen mit anderer Überzeugung: Spielt euch nicht als Schiedsrichter auf! Das kann man nachlesen in seinem Brief
an Christen in Rom (Röm 14).

Wir haben heute andere Streifragen:
Verheiratete Priester? Pfarrerinnen? Taufe von Babys oder Erwachsenen? Kirchliche Trauung für Geschiedene? Wer darf zur Kommunion? Segen für gleichgeschlechtliche Paare? Welche politische Partei kann ein Christ wählen?
Akzeptieren wir doch, dass Gott seine Kinder auf unterschiedliche Wege führt und auch zu unterschiedlichen Überzeugungen. Akzeptieren wir doch eine Kirche, die ein bunter Haufen ist und nicht lauter Uniformierte mit der gleichen Dress.
Nun gibt es aber doch einen Schiedsrichter. Das ist nicht ein Mensch, sondern Gott selber, vor dem wir unsere Handlungen zu verantworten haben.
Was habe ich von Ihm zu erwarten? Nichts anderes als die Rote Karte. Aber deswegen verstecke ich mich nicht vor Ihm, sondern freue mich über das Wort Seines Sohnes Jesus: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Johannes 5, 24).

 

 

16. Juni 2016

DU bist gefragt!

Was andere sagen, ist ja oft ganz interessant. Aber was sagst du?
Als Jesus über die Erde ging, hielten ihn viele für einen Propheten. Er fragte seine Jünger: „Wofür haltet ihr mich?“
Petrus antwortete: „Ich halte dich für den Messias; für den, der in einzigartiger Weise von dem einzigen Gott kommt.“ Ist er der auch für dich?
Als ich mit Schülern einmal durchlas, was Jesus von sich selbst sagte, meinte einer: „Ganz schön überheblich!“ Überheblich wäre es dann, wenn er mehr von sich behauptete als den Tatsachen entspricht. Andernfalls ist es nicht überheblich, sondern die Wahrheit, die jeden betrifft und mit der sich jeder auseinandersetzen muss.
Aber warum sagt Jesus seinen Jüngern: „Sagt es nicht weiter!“ - wenn es doch die Wahrheit ist?
Das Volk zur Zeit Jesu erwartete vom Messias eine politische Befreiung. Um nicht diese falsche Erwartung noch zu schüren, sollten die Jünger zunächst schweigen von Jesus als dem Messias. Jesus sagte voraus, dass es ganz anders kommen wird: Er wird leiden und sterben, aber am dritten Tag auferstehen.
Was erwartest du dir von Jesus?
Jesus verspricht den Seinen nicht ein Leben ohne Leiden und Sterben. – Aber Auferstehen. Und im Leiden und Sterben doch auch seinen Beistand und seine tröstende Nähe. Auferstehung bedeutet, dass Jesus den gefährlichsten Feind, den Tod, besiegt hat und dass ich im Tod nicht ins Nichts falle, sondern in die Hand Gottes, in eine Welt ohne Tränen, ohne Leid und ohne Tod.
Ich habe mir erlaubt, dich so indiskret zu fragen, „Wer ist Jesus für dich?“, weil die Worte der Bibel in Lukas 9, 18-24, die am 19. Juni in den katholischen Kirchen vorgelesen werden, diese Frage an uns stellen. Jesus fragt dich.

 

 

09. Juni 2016

Lange Nächte

Fußballinteressierte Sportler sitzen in dieser „5. Jahreszeit“ vor den Fernsehgeräten, um sich im Rahmen der Europameisterschaft beispielsweise am 10. Juni das Spiel Frankreich Rumänien anzusehen.
Am 10. Juni findet auch die „Lange Nacht der Kirchen“ statt. Beim Studieren des Programmheftes fällt mir auf, dass sich in diesem Jahr in ganz Osttirol nur 3 Kirchen daran beteiligen. Liegt es daran, dass die Verantwortlichen in den Gemeinden sagen: Heuer veranstalten wir nichts, weil während der EURO eh keiner in die Kirche kommt? Oder wollen die Verantwortlichen selber lieber Fußball schauen, als in der Kirche etwas machen?
Da fällt mir der Witz ein:
Der Pfarrer kommt vor dem Gottesdienst in die Kirche, sieht aber noch keinen Organisten. Er fragt den Mesner: Wer spielt denn heute? Der Mesner: Frankreich gegen Rumänien, Herr Pfarrer.
Darf ich einmal die Frage stellen, was ein „Sportler“ ist? Einer, der vor dem TV-Gerät sitzt, links die Bierflasche, rechts die Zigarette und in der Mitte ein dicker Bauch, und es ist 20 Jahre her, seit er das letzte Mal selber einem Ball nachgelaufen ist? Ist das ein Sportler, auch wenn er sich selber so bezeichnet?
Darf ich auch die Frage stellen, was ein „Christ“ ist? Einer der es von sich behauptet, aber dem alles andere wichtiger ist als Christus?
Ich würde sagen: Ein Christ ist einer, bei dem erkennbar wird, dass ihm Christus konkurrenzlos wichtig ist. Ich glaube auch, dass ein Leben mit Christus spannender ist, als ein Fußballspiel, und ich glaube, dass der Gott und Vater, zu dem Jesus selber gebetet hat und uns beten lehrt, verlässlicher und liebender ist als der „Fußballgott“, vor dem sich gerade jetzt viele beugen.

 

 

02. Juni 2016

Scheintot?

Frager (F): In der Bibel steht, dass ein Mann aus der Stadt Nain tot war und Jesus ihn wieder lebendig gemacht hat. Vielleicht war er nur scheintot.
Pfarrer (P): Die Bibel berichtet auch von Lazarus, der schon länger tot war und schon gestunken hat, als ihn Jesus auferweckte. Der kann wohl nicht scheintot gewesen sein.
F: Letztlich ist es ja auch egal. Das ist alles schon viel zu lange her, als dass es mich berühren würde.
P: Mich berührt es schon. Diese Totenauferweckungen zeigen mir, dass Jesus Gott ist. Dann kann er das auch heute noch.
F: Mir sind keine Nachrichten bekannt, dass das in den letzten 100 Jahren passiert wäre.
P: Ich stell mir das ja nicht so vor, dass meine verstorbene Mutter plötzlich wieder für mich sichtbar da ist. Jesus hat gesagt: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Das erkläre ich mir in einer anderen, für uns noch nicht sichtbaren Welt, in einer anderen Dimension, die wir uns nicht vorstellen können. Wir können uns ja nur die 3 Dimensionen Länge, Breite und Höhe vorstellen. Warum sollte es bei Gott nicht auch eine zehnte oder hundertste Dimension geben?
F: Daran muss man halt glauben können.
P: Ich denke, der Glaube ist ein Geschenk, um das gerade auch der Zweifler im Gebet immer wieder bitten darf und soll. Die Frage ist, ob einer glauben will.
F: Ich kann mir vorstellen, dass der Glaube unter Umständen sehr hilfreich sein kann. Warum sollte also jemand nicht glauben wollen?
P: Weil der Mensch ahnt: Wenn ich wirklich glaube, dann krempelt das alles um: mein ganzes Denken und Handeln. Aber solange es einem halbwegs gut geht, will im Grunde doch jeder, dass alles so bleibt, wie es ist.

 

 

 

 

 

 

   
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